Personalrecruiting und (Un)Fairness?

Aktuelle Erfahrungen von Teilnehmenden meiner Veranstaltungen lassen für mich die Frage aufkommen: Welche Rolle spielt Fairness für suchende Arbeitgeber im Recruiting-Prozess?

Es gibt viele positive Beispiele in der Wirtschaft, aber auch im Non-Profit-Bereich, die die Grundsätze fairen Verhaltens gegenüber Bewerbern einhalten. Sie stehen zu Absprachen, schaffen eine angenehme, offene Gesprächsatmosphäre, stellen die Erwartbarkeit des Bewerbungsprozesses sicher und halten Zu- beziehungsweise Absagefristen ein.

In letzter Zeit beobachte ich jedoch häufiger das Gegenteil von Fairness gegenüber Bewerbern. In manchen Unternehmen hat sich eine „Kostenlos-Mentalität“ entwickelt, beispielhaft die Marketing- und Consulting-Branche. Ist es mittlerweile üblich, dass die Kreativleistung und die Bearbeitung realer Arbeitsaufträge im Recruiting-Prozess eingefordert wird – ohne Gegenleistung der Arbeitgeber?

Zur Veranschaulichung ein Beispiel von einem Coachee: Ein Beratungshaus war auf der Suche nach einem Projektleiter Marketing und Neue Medien. Die Darstellung des Unternehmens im Internet war hervorragend, die offene Stelle klang vielversprechend. Nach einem ersten Kontakt per Telefon im Rahmen eines Elevator Pitches wurde eine erste Vorauswahl getroffen. Diejenigen Bewerber, die in kürzester Zeit den Gesprächspartner von sich, seiner Leistungsfähigkeit und seinen Kompetenzen überzeugen konnten, bekamen die Einladung zu einem persönlichen Gespräch mit dem Hinweis, dass für diesen Termin eine Musteraufgabe zu bearbeiten sei.

Es stellte sich dann allerdings heraus, dass aus der Musteraufgabe zwei überaus aufwendige Arbeitspakete wurden, die weit über den normalen Aufwand für eine Präsentation im Rahmen von Bewerbungsgesprächen hinausgingen. Gefordert war nicht nur die Analyse der digitalen Kommunikationskanäle des Muster-Unternehmens, auch die Optimierungspotenziale galt es auszuarbeiten und in ein komplettes Konzept zu integrieren. Die zweite Aufgabe bestand darin, einen kompletten Pitch vorzubereiten, um so einen Kunden zu gewinnen und für die Agenturpräsentation entsprechende Slides zu erstellen. Den Kunden gab es allerdings tatsächlich, die Webseite war schnell zu finden. Sämtliche Ausarbeitungen und die Präsentation sollten am Vorabend des Gesprächs per Email gesendet werden, damit für die Gesprächspartner genügend Vorbereitungszeit bliebe. Die Inhalte und Konzepte, bzw. die Rechte daran, würden aber, egal wie das Bewerbungsgespräch ausginge, auf das die Stelle ausschreibende Unternehmen übertragen. Diese Leistungen sollten gratis erfolgen!

Natürlich haben Unternehmen das Recht zu überprüfen, was der Bewerber tatsächlich kann oder ob er einen Teil seiner Expertise lediglich vorgibt. Aber sind bei solchen „Aufforderungen“ an die Bewerber die Grenzen von Wertschätzung, Fairness und Ehrlichkeit nicht weit überschritten?

Ist es nicht eher so, dass sich Arbeitgeber durch ein solches Verhalten schaden und ein Risiko eingehen? In Zeiten von Bewertungsportalen und der oft unkontrollierbaren Kommunikation in sozialen Medien schützen eine wertschätzende Behandlung, realistisches Erwartungsmanagement sowie eine zeitgerechte und ehrliche Kommunikation vor negativen Arbeitgeberbewertungen. Und das ist unerlässlich für das HR Marketing und das Employer Branding. Denn: Potenzielle Arbeitskräfte haben in Zeiten des „Kampfes um die besten Talente“ sehr hohen Stellenwert und wer die Wahl hat, entscheidet sich sicherlich eher für den fairen Arbeitgeber.

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